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Das frühere Nachtwächterhäuschen in der Dorfmitte

Der kleine Schuppen, nahe der Hauptstraße am Fußweg zum Ferndorfer Bahnhof gelegen, ist uralt! Früher, als man nachts die Haustüre noch nicht abschloss, war hier das Quartier des Nachtwächters. Durch Holzuntersuchungen wurde festgestellt, dass das Gebäude bereits um 1581 erbaut wurde. Wahrscheinlich ist dies sogar der älteste Schuppen des Siegerlandes :)

Schutz vor Feuersbrünsten
In erster Linie sollte der Nachtwächter größere Brände verhüten, die in den für die damalige Zeit nah aneinander gebauten Häusern aus Holz und Stroh eine erhebliche Gefahr darstellten. Das gelang jedoch nicht immer - wir wissen, dass zwischen 1834 und 1930 acht Wohngebäude durch Brände zerstört wurden. Mehr Infos zu den Hausbränden (Seite 17 der pdf-Datei).

Ruhe und Ordnung
Ferner sorgte der Nachtwächter für Ruhe und Ordnung. Er schützte die schlafenden Mitbürger vor Räuberei und konnte, da er über Polizeigewalt verfügte, gegebenenfalls Diebe dingfest machen und Festnahmen durchführen.

Zu jeder vollen Stunde zeigte er durch ein Hornsignal und den anschließenden Gesang einer Strophe des „Nachtwächterliedes" die Uhrzeit an. Neben dem Horn gehörten eine Laterne und eine Hellebarde (eine Hieb- und Stichwaffe) zur Ausrüstung. Die Tätigkeit genoss seinerzeit wenig Ansehen -der Nachtwächter gehörte zu den „unehrlichen Berufen" und stand zusammen mit dem Henker, dem Abdecker und dem Totengräber auf einer Stufe. Dennoch hatte er eine wichtige soziale Funktion. Das Nachtwächteramt ist seit etwa 1900 durch die fortschreitende Einführung der elektrischen Beleuchtung von den Straßen verschwunden.

Ferndorfer Nachtwächter
Über das Nachtwächteramt in Ferndorf erfahren wir bei Dr. Lothar Irle im Buch "Ferndorf - ein Siegerlander Dorfbuch", dass die ersten (bekannten) Nachtwächter - der Schneider Georg Schmidt († 1799) und der Tag- und Nachtwächter Joh. Henrich Stötzel (1761-1848) - zugleich auch Totengräber - von der Gemeinde ein paar Schuhe erhielten. Aus einem früheren Gemeindeprotokoll gehen einige Einzelheiten über die Aufgaben des Wächters hervor. Es heißt: „... jedem sowohl zur Verhütung von Feuersgefahr bei einer sehr vermehrten Einwohnerzahl und Beisaßen, als zur Abschaffung einer schrankenlosen Betteley, von zum Theil arbeitsscheuen Gesindel. .... Die Function des Tagewächters solle sich aber auch auf ferner noch auf die Bewachung und Beaufsichtigung der theils zur Verschönerung des Orts eingerichteten als nothwendig bestehenden öffentlichen Anlagen ausdehnen, für Unterhaltung (Reparaturen) der Gemeinde jedes Jahr nicht unbedeutende Ausgaben erwachsen. Der Belauf der jährlichen Reparaturkosten dürfte aber leicht um die Hälfte vermindert werden, sobald die bezüglichen Anlagen durch eine ständige und scharfe Aufsicht von jugendlichem Mutwillen, leichtsinnigem und vorsätzlichem Frevel, wie solcher seither an der Einfriedigung des Irlenbachs öfters verübt wurde, geschützt sind."

Schlafplatz für das fahrende Volk
Auch das fahrende Volk - Zigeuner, Hausierer, Bettler und Landstreicher - fand im alten Ferndorfer Nachtwächterhäuschen vorübergehend einen Unterschlupf. 

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Das Nachtwächterlied
Das Nachtwächterlied wurde traditionell bei den Rundgängen während der Nachtwache gesungen. Es sollte auch anzeigen, dass der Nachtwächter munter war und seine Pflicht versah. Der Komponist und der Text Autor dieses deutschen Volksliedes ist leider nicht bekannt.

In den Jahrhunderten vor der Elektrifizierung dauerte die Nacht von 10 Uhr abends bis 4 Uhr morgens; die Arbeitseinteilung eines Tages hing vom Sonnenlicht, den Bedürfnissen des Viehs und weiteren notwendigen Tätigkeiten (Ofen anfeuern, Wasser holen, etc.) ab.

1. Strophe
Hört, ihr Leut, und laßt euch sagen:
unsre Glock hat Zehn geschlagen!
Zehn Gebote setzt Gott ein,
dass wir soll´n gehorsam sein!

Refrain
Menschenwachen kann nichts nützen,
Gott muss wachen, Gott muss schützen.
Herr, durch deine Güt und Macht,
schenk uns eine gute Nacht!

2. Strophe
Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:
unsre Glock hat Elf geschlagen!
Elf der Jünger blieben treu,
hilf, dass wir im Tod ohn Reu! - Refrain

3. Strophe
Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:
unsre Glock hat Zwölf geschlagen!
Zwölf, das ist das Ziel der Zeit,
Mensch bedenk die Ewigkeit!

Refrain

4. Strophe
Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:
unsre Glock hat Eins geschlagen!
Eins ist allein der ein´ge Gott,
der uns trägt in aller Not. - Refrain

5. Strophe
Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:
unsre Glock hat Zwei geschlagen!
Zwei Weg' hat der Mensch vor sich,
Herr, den rechten führe mich! - Refrain

6. Strophe
Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:
unsre Glock hat Drei geschlagen!
Drei ist eins, was göttlich heisst,
Vater, Sohn, und heiliger Geist. - Refrain

7. Strophe
Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:
unsre Glock hat Vier geschlagen!
Vierfach ist das Ackerfeld,
Mensch wie ist dein Herz bestellt?

Auf ermuntert eure Sinnen,
denn es weicht die Nacht von hinnen.
Danket Gott, der uns die Nacht
hat so väterlich bewacht!

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Der wahrscheinlich älteste Schuppen des Siegerlandes

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Plan des Urkatasters von 1835

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oben: Ergebnis der Altersbestimmung durch Holzuntersuchung / mitte: Informationen über das Nachtwächteramt in Ferndorf aus dem Buch von Dr. Lothar Irle "Ferndorf - ein Siegerlander Dorfbuch" / unten: das Nachtwächterlied