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Ferndorfs Ruhm in Gefahr

Dicke Kartoffeln - eine Postsendung aus dem Osten und deren Nutzanwendung


„Sic transit gloria mundi“. - So vergeht der Welt Ruhm.
Was gestern noch als einmalig galt, kann heute schon im Schatten der Ereignisse zum Rufe bescheidener Mittelmäßigkeit verdammt sein.

Wien hat seinen Prater, Bremen hat seinen Roland und Ferndorf - hatte die dicksten Kartoffeln. Es hatte! ... Was selbst der Neid der Ernsdorfer Nachbarn nicht zu hoffen wagte, es ist Wirklichkeit geworden: Die Dimensionen der Ferndorfer Altgold sind überboten, die legendenumwobene Ferndorfer Kartoffel ist aus dem Felde geschlagen! Tragische Ironie des Schicksals, dass es ausgerechnet zwei Ferndorfer sein mussten, die sich in ihrer unbestechlichen Wahrheitsliebe gezwungen sahen, ihrem Heimatort den jahrhundertealten Ruhm, die dicksten Kartoffeln zu haben - der so fest gegründet schien - zu nehmen.

Kam da dieser Tage ein Paket bei der Obrigkeit an, das zum Erstaunen aller eine große Kartoffel barg, ein Prachtexemplar ihrer Gattung mit dem stattlichen Gewicht von 860 Gramm. Eine Täuschung war ausgeschlossen: sie war nicht in der Ferndorfer Flur gewachsen, der Poststempel bewies es! Sie kam aus Ostpreußen! Das Weitere ging aus dem beiliegenden Brief hervor, der, da er dazu angetan ist, eine, wenn auch für Ferndorf schmerzliche, Revision der öffentlichen Meinung herbeizuführen, hier veröffentlicht werden soll. Er lautet also:

Geehrter Herr Bürgermeister!
Als Glieder Ihrer so ruhmreichen Gemeinde fühlen wir uns verpflichtet, Sie als ihr erster Vertreter von einer wichtigen Entdeckung, die das Ansehen unseres Heimatortes sinken lässt, in Kenntnis zu setzen. Unterzeichner befinden sich im äußersten Osten Ostpreußens 20 Meter von der litauischen Grenze im Ernteeinsatz des RAD. Das Schicksal hat es so gewollt, gerade uns echte und bewusste Ferndorfer an einen solchen Ort zu verschlagen, der unter allen Umständen mit der Kartoffelzucht bzw. mit den Erfolgen der Kartoffelzucht unserer ehrwürdigen Gemeinde konkurrieren kann.

Vorliegende Probe ist tatsächlich die Durchschnittsgröße der wichtigen Frucht. Was wir hier zu sehen und tagtäglich immer wieder feststellen müssen, übertrifft alles bisher Dagewesene. Dieser Bericht soll weiß Gott nicht den Zweck haben, die Gemeinde ob ihrer Überbietung irgendwie zu demütigen, sondern wir hielten es für unsere selbstverständliche Pflicht, die Wahrnehmung nicht für uns zu behalten. Im Interesse der Wahrung von Tradition und Eigenart unserer lieben Heimat bitten wir, an den Lokalpatriotismus und die Ehre der zuständigen Gemeindemitglieder zu appellieren und entsprechende Gegenmaßnahmen auf Züchterischem Gebiet zu ergreifen. Sollte aber die gegenwärtige Ernte bei Ihnen ähnliche Erfolge aufweisen können, so bitten wir vorliegendes Päckchen als Gruß heimatbewusster Ferndorfer aufzufassen, die 1500 km von ihrem Geburtsort entfernt der Landwirtschaft ihre Kraft zur Verfügung stellen, und die sich bewusst sind, dass auch ihre Arbeit mit dazu beiträgt, die Nahrungsfreiheit zu sichern und mithilft am Aufbau unseres lieben Vaterlandes. Gerne erinnern wir uns unserer Heimat und stellen in der Fremde immer wieder fest, dass es nur ein Siegerland gibt und in diesem schmucken Kreis nur ein Ferndorf, unser Geburtsort. In diesem Sinne grüßen wir die Heimat und besonders Sie, Herr Bürgermeister.

H... H..
Gerhard Klappert und Robert Geisweid

Vorliegende Probe ist tatsächlich die Durchschnittsgröße ... das gibt der Sache die fatale Wendungen. Zwar erinnern wir uns noch alle jenes Kartoffelungetüms, das auf einem Rollwagen zum Kolb’schen Sägewerk befördert werden musste, um dort mit dem großen Sägegatter zerlegt zu werden. Doch gestehen wir es uns nur: sie war nur eine Einzelerscheinung, ein glückliches Zusammentreffen verschiedenster wachstumsfördernder Faktoren, das einmalig sein und bleiben dürfte. Der Durchschnitt ist auch in Ferndorf - durchschnittlicher.

Aus der Not eine Tugend zu machen, hat schon oft bedeutet, eine missliche Sache zum Guten gewendet zu haben. Deshalb hat man an maßgeblicher Stelle beschlossen, die Kartoffel aus dem fernen Ostpreußen sicherzustellen und sie im Frühjahr dem Ferndorfer Acker anzuvertrauen, allwo sie bestimmt ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten haben wird. Vielleicht gelingt es so, Ferndorf den alten Ruhm wieder zurückzuerobern. Nachdem ein in diesem Jahr auf einer Tannenlichtung unterhalb der „Waldesruh“ am Kindelsberg unternommener Versuch, Hochstammkartoffeln zu züchten, fehlgeschlagen war - der Strauch schoß dank der liebevollen Wartung übermannshoch empor und musste an Spalieren gehalten werden, dafür aber blieb der über- wie unterirdisch erwartete Ernteertrag aus, musste auch sowieso einmal etwas geschehen, um Ferndorfs Prestige auf die Dauer zu sichern. Wünschen wir den Bemühungen besten Erfolg.

(Quelle: National-Zeitung vom 12. Oktober 1939)

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Nationalzeitung vom 12.10.1939

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